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Warum ist die Banane krumm?

1300 Tage lebe ich jetzt nüchtern. Und meine Güte, wer hätte gedacht, was alles in dieser Zeitspanne passieren kann. Vor etwas über drei Jahren ist mir klar geworden, dass ich das Leben zerstöre, das ich eigentlich führen will. Dass ich mich zerstöre,
meine Träume, mir die Energie raube und einfach alles, was das Leben bunt und schön und lebenswert macht. Ja, ich war dabei, mich selbst so krass zu sabotieren, dass ich drohte, einfach unterzugehen.

Es war nicht „der Alkohol“, der das gemacht hat. Ich war das. Und nein, das heißt
nicht, dass ich die Macht dieser Substanz kleinrede, ganz im Gegenteil.

Alkohol ist ein absolutes Teufelszeug, das in unserer Gesellschaft viel zu sehr
verharmlost wird. Er manipuliert die Hirnchemie und setzt die Entscheidungsfähigkeit
außer Gefecht. Er macht es auf Dauer praktisch unmöglich, echte Freude zu
empfinden. Menschen werden abhängig, weil Alkohol nun mal ist, wie er ist. Und
gleichzeitig gibt es ja immer jemanden, der diese Droge konsumiert. So wie mich. Das
geschieht nicht unter Zwang.

Und genau deshalb darf all das niemals als Schutzschild dienen. Wenn der Alkohol an
allem schuld ist, dann entsteht daraus ein Naturschutzgebiet der Nicht-Veränderung.
„Ich kann ja nichts dafür, das Zeug ist einfach zu mächtig.“ Und schon bleibt alles, wie
es ist. Jeder trägt selbst die Verantwortung dafür, zu trinken oder etwas daran zu
verändern.

Und nein, ich rede hier nicht von Schuld. Ich weiß, dass viele das in einen Topf werfen,
aber Schuld schaut zurück und lähmt, während Verantwortung nach vorne schaut.
Ohne die Bereitschaft, sie zu übernehmen, kann ich gar keine Veränderung
herbeiführen.

Ich wusste, wie gefährlich Alkohol ist, und bin da trotzdem reingeraten. Trotz des
schlechten Beispiels einer trinkenden Mutter. Trotz Studium. Trotz Arbeit in der
Suchtberatung. Ich habe in den letzten Jahren viel Geld in Coaching investiert, vor
allem um der Frage auf den Grund zu gehen: Warum habe ich das gemacht? Warum
zur Hölle habe ich mich selbst so krass sabotiert? Warum bin ich dem Alkohol trotz all
meines Wissens auf den Leim gegangen?

Und durch all die innere Arbeit wurde mir klar: „Warum“ ist die falsche Frage. Die
richtige Frage lautet: WOFÜR habe ich mich so viele Jahre selbst sabotiert?

Und nein, hier geht es nicht um sprachliche Spitzfindigkeiten. Es handelt sich um eine
andere Fragestellung. Das „Warum“ fragt nach der Ursache. Die Warum-Frage führt
meist dazu, dass Menschen ewig in ihrer Vergangenheit suchen, nach der Herkunft
dieses oder jenes Problems. Viele verbringen Jahre in der Psychoanalyse und decken
all diese Ursachen auf. Ich habe diese Arbeit auch gemacht, und ich möchte sie nicht
missen. Man erfährt eine Menge über sich, man versteht plötzlich Zusammenhänge, die
vorher im Dunkeln lagen, und man lernt sich selbst deutlich besser kennen. Das ist gut
und das ist richtig. Aber wenn ich dann im Coaching nach den Auswirkungen dieser
Arbeit im Hier und Jetzt frage, ob mit der Ermittlung der Ursache denn das Problem
plötzlich lösbar sei, dann ist die Antwort eigentlich immer gleich: Nein. Keine
Auswirkung. Okay – ich verstehe mich jetzt vielleicht etwas besser, aber das Problem
ist weiterhin da. „Wofür“ fragt hingegen nach dem „guten Grund“. Wofür könnte dieses
Problem nützlich sein? Wozu hat es dir oder einem deiner inneren Teammitglieder lange
gedient?
Diese Frage sorgt regelmäßig erst mal für Irritation, denn den Menschen vor mir geht
es dann oft, wie es mir ging. HÄH!? Es gibt keinen guten Grund! Dieses Problem ist
gar nicht nützlich. Für überhaupt nichts. Ich will es weghaben, und zwar sofort!

Ich verstehe das. So ging es mir damals auch zuerst. Aber du kennst das bestimmt: Es
gibt da noch eine andere Seite in uns. Die Seite, die Angst hat, ohne den Alkohol
auskommen zu müssen. Die Seite, die verzweifelt nach Mitteln und Wegen sucht, doch
noch irgendwie diese Droge kontrollieren zu können, nur um sich nicht endgültig für
das Ziel Abstinenz entscheiden zu müssen. Dahinter steckt ganz schön viel
Verzweiflung. Und dann gibt es eine Seite, die diese Seite abwertet, die so was sagt
wie: „Warum bist du nur so schwach, so dämlich, so nutzlos? Wie konntest du nur
schon wieder trinken?“

Und damit stecken wir schon mittendrin in dem Modell, das für mich die Sicht auf
mich und auf die Menschen, mit denen ich arbeite, ein für alle Mal verändert hat: das
Seitenmodell nach Gunther Schmidt, manchmal auch genannt das Innere
Familiensystem oder bei Schulz von Thun das Modell des inneren Teams. Denn da
sind mehrere Kräfte in uns am Werk, die teilweise völlig unterschiedliche Bedürfnisse
verfolgen.

Jeder kennt ja das Bild vom Engelchen und Teufelchen auf der Schulter. So weit weg
ist das gar nicht, nur dass es dort einen Guten und einen Bösen gibt, und genau daran
scheitert das Bild. Gunther Schmidt sagt, wir seien alle so etwas wie multiple Persönlichkeiten.
Und nein, der Mann hat nicht den Verstand verloren, ich habe ihn
kennengelernt, das ist ein hochintelligenter Mensch. Er meint das im vollen Ernst: Wir
sind ein ganzes Team von Leuten, und man weiß nie so genau, wer gerade am Ruder
ist. Welche Seite das gerade ist, hängt davon ab, worauf unsere Aufmerksamkeit
gerichtet ist. Das ist ungeheuer entlastend, denn nicht ich als ganzer Mensch bin das
Problem, sondern eine Seite von mir tut gerade etwas, das mir schadet. Und diese
Seiten sind Botschafter von Bedürfnissen, sie melden etwas an, was zu kurz kommt.
Bei Schulz von Thun heißt genau das inneres Team, und dieses Bild mag ich besonders
gern, weil sofort klar wird, welche Aufgabe ich dabei habe: Ich bin die Teamleitung.
Und eine gute Teamleitung wirft niemanden raus, nur weil er unbequem ist. Sie lädt
alle Teammitglieder zu einer freundlichen und friedlichen Kooperation ein.

Und genau das tun wir mit dem trinkenden Anteil eben nicht. Die meisten Menschen,
die ihren Weg zu mir finden, hassen diesen Anteil, der immer wieder zur Flasche
greift. Sie wollen ihn weghaben, also schicken sie ihn in die Verbannung und sperren
ihn in den Keller. Und was man in den Keller sperrt, das macht da unten
Fitnessübungen und kommt doppelt so stark zurück. Diese Prozesse laufen völlig
unwillkürlich ab. Für das „Ich“, unser Ego, unseren kognitiven Verstand, fühlt sich das
an, als sei eine Art Autopilot am Werk. Eine geheime Macht. Sie fühlen sich wie
fremdgesteuert. So ging es auch mir.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich damals verstanden habe: Keine meiner inneren
Seiten beziehungsweise Anteile ist GEGEN mich. Auch wenn es sich wie ein krasser
Sabotageakt anfühlt, steckt dahinter immer eine gute Absicht.

Das kann ein Bedürfnis sein wie zum Beispiel Ruhe, Selbstfürsorge, denen der innere
Antreiber sonst einfach keinen Raum gibt, sodass sich die Selbstfürsorge irgendwann
mit dem Alkohol verknüpft hat.

Das kann eine Schutzfunktion sein, zum Beispiel wenn man feststeckt in einem Leben,
einer Beziehung, einem Job, die schon lange nicht mehr guttun (Dr. Michael Bohne
nennt das „nicht artgerechte Haltung“) und der Alkohol zum temporären Fluchtpunkt
aus dieser Enge wird.

Oder es kann sein, dass diese Seite verzweifelt versucht, Zugehörigkeit zu sichern. Das
ist vor allem dann der Fall, wenn im Umfeld viel getrunken wird und ein „Nein“ ganz
real zu einem Ausschluss aus der Gruppe führen könnte.

Und damit kommen wir dem „Wofür“ auf die Spur. Das „Warum“ würde sich an dieser
Stelle dafür interessieren, wann dieser Anteil entstanden ist, wie es dazu kam, dass
grundlegende (und überaus wichtige) Bedürfnisse mit einer giftigen Substanz 
verknüpft wurden. Damit ist die Frage nach dem Warum sicher interessant, aber selten
bis nie lösungsorientiert.
„Wofür“ versucht hingegen, dem Bedürfnis dieses „trinkenden Anteils“ auf die Spur zu
kommen. Es fragt nach den Sehnsüchten, den Beweggründen und vor allem den
Befürchtungen und inneren Horrorszenarien: Was alles passieren könnte, würde man
die Flasche ein für alle Mal zur Seite stellen.

Ich habe mich viel und lange mit meinem „Wofür“ beschäftigt. Ich bin auf einen völlig
überzogenen, perfektionistischen Anspruch an mich selbst gestoßen. Da ist eine innere
Antreiberin in mir, die mir ständig im Nacken saß. Pause machen fühlte sich falsch an.
Meine To-do-Liste war 25 km lang, und wenn ich etwas erledigt hatte, war es in den
Augen dieses gnadenlosen inneren Anteils nie gut genug. Natürlich hält das kein
Mensch, selbst ein noch so belastbarer, auf Dauer durch.

Pause, Ruhe, Stille, einfach mal keine Lust haben – das sind wichtige, elementare
Bedürfnisse. Werden sie zu lange ignoriert (und ja, auch dafür gibt es wiederum gute
Gründe für manche inneren Teammitglieder und auch spannende „Warums“), bahnen
sie sich irgendwann ihren Weg. Genauso wenig, wie man sich dauerhaft verbieten
könnte zu schlafen, kann man sich diese elementaren, psychologischen
Grundbedürfnisse verbieten. Und wenn man dann irgendwann im Leben die Erfahrung
macht, dass Alkohol sich ja am Anfang anfühlt wie eine locker und leicht erreichbare
„Pause aus der Flasche“, steht man schon mit einem Bein an der Abbruchkante.

Ich bin noch einem anderen spannenden „Wofür“ begegnet: einer parafunktionalen
Loyalität gegenüber meiner Herkunftsfamilie. Was bedeutet das? Ich habe schon seit
vielen Jahren den Traum, mir etwas Großes aufzubauen. Ein eigenes Online-Business,
mit dem ich vielen Menschen helfen kann, ihr Leben zum Besseren zu verändern, und
das mir gleichzeitig ermöglicht, ortsunabhängig zu leben und um die Welt zu reisen.

Ich war die Erste (und Einzige) in meinem Familiensystem mit Abitur. Ich habe Bücher
gelesen, mich für Psychologie und Philosophie interessiert. Meinen Eltern war das
suspekt. Mit 13 habe ich mir zu Weihnachten die zwölfbändige Taschenbuchausgabe
des Brockhaus gewünscht. Keinen Walkman, keine Schallplatten. Ein Lexikon. Meine
ganze Familie fand mich dermaßen bescheuert, das sei doch kein Geschenk. Bei uns
gab es keine Bücher, nur ein paar Groschenromane, und ich wollte lesen, ich wollte
wissen. Ich habe mich in meiner eigenen Familie gefühlt wie ein Alien. Allein damit
habe ich mich schon weit von der Herkunftsfamilie entfernt.

Und dann gab es da eine Seite, die mich bremsen wollte, bevor ich mich noch weiter
vorwage. Die verhindern wollte, dass ich die Zugehörigkeit zu meinem Familiensystem
verliere, indem ich „zu hoch hinauffliege“. All das lief natürlich komplett unbewusst
ab. Mein bewusster Verstand, mein kognitives Steuer-Ich, hat sich bereits vor über 20
Jahren aus vielen guten Gründen von der Herkunftsfamilie losgesagt. Aber eine Seite
in mir, die das quasi noch nicht mitbekommen hatte, zog mich unwillkürlich immer
wieder dorthin zurück. Und der Alkohol war aus Sicht dieses Anteils eine
hervorragende Methode, um mich klein zu halten und somit zu verhindern, dass ich zu
weit ausbreche.

Wenn du bis hierhin gelesen hast, rattert es vielleicht schon in deinem Kopf. Was ist
mein Wofür? Was ist mein guter Grund? Und ist es wirklich gut, sich mit dieser Frage
zu befassen? Gleichzeitig kann ich sagen, dass man diesen Dingen aus meiner Sicht
nicht allein auf die Spur kommen kann. Es handelt sich um blinde Flecken, Anteile, die
zum Teil lange dissoziiert waren, also quasi „unter dem Radar“ des Bewusstseins
geflogen sind.

Und ja, ich bin befangen. Ich bin selbst Coach und profitiere davon, wenn Menschen
sich Unterstützung holen. Das sage ich hier ganz offen. Aber das ist gar nicht der
Punkt. Ich bin aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass man das nicht allein machen
sollte.

Wenn man sich das Bein bricht, kann man theoretisch auch einfach warten. Man muss
ja nichts tun. Irgendwann heilt das von allein. Nur eben schief. Kein Mensch käme auf
die Idee, sich in so einem Fall keine professionelle Unterstützung zu holen. Aber bei
allem, was innen drin kaputt ist, sieht das plötzlich ganz anders aus. Da haben wir alle
von klein auf gelernt: Wenn du ein Problem hast, dann kriegst du das gefälligst allein
in den Griff.

Das ist keine Wahrheit. Das ist ein gesellschaftliches Narrativ, und es gehört längst
aufgelöst. Man muss nicht krank sein, um sich Unterstützung zu holen.
Denn beim „Wofür“ geht es um Bedürfnisse. Um die eigenen. Und die kann ich nur
erkennen, wenn ich mich selbst richtig gut kenne, mit allen dunklen Ecken.

Um ihnen und ihren „guten Gründen“ auf die Spur zu kommen, braucht es einen
klaren, neutralen Blick von außen. Jemanden, der wie ein Tourguide vorausgeht und
aufzeigt, wohin man selbst noch nicht geschaut hat. In einem guten Coaching geht es
immer um Selbstwirksamkeit: den Autopiloten abschalten und wieder selbst ans Steuer
seines Lebens gelangen. So ein Weg braucht gute Wegbegleiter:innen.

Ich selbst habe das schon vor 1300 Tagen verstanden und habe bis heute permanent ein
bis zwei Coaches an meiner Seite. Um Alkohol geht es dabei schon lange nicht mehr.

Dafür geht es umso mehr darum, immer und jederzeit meine blinden Flecken
auszuleuchten und die Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen.

„Warum ist die Banane krumm?“ — so habe ich diesen Text genannt. Das habe ich
getan, weil das die Antwort ist, mit der Erwachsene Kinder abspeisen, wenn sie die
zwanzigste Warum-Frage nicht mehr hören können. Die Banane ist krumm, weil es so
ist. Es gibt keine richtige Antwort. Zumindest keine, die irgendwo hinführt.

Und wenn wir uns ständig fragen, warum wir so gehandelt haben, wie wir es taten, ist
das ein bisschen genauso. Vielleicht finde ich sogar eine Erklärung, aber die wird mein
Leben keinen Millimeter verändern. Stattdessen sorgt sie dafür, dass ich beim
Vorwärtsgehen ständig in den Rückspiegel schaue, nach hinten in die Vergangenheit.

Ich plädiere daher unbedingt für eine Auseinandersetzung mit dem „Wofür“. Mit den
eigenen Bedürfnissen, mit dem guten Grund. Und für einen klaren, zuversichtlichen
und vorfreudigen Blick nach vorn, auf dieses wunderbare nüchterne Leben, das da
wartet.

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